GESCHENKE

Die Menschheit lässt sich in zwei Gruppen aufteilen, deren Gegensätzlichkeit gerade nach Weihnachten offenkundig wird: die Wegwerfer und die Aufbewahrer. Ich gestehe, dass ich zu den Wegwerfern gehöre. Diese stehen in keinem guten Ansehen, neigen sie doch dazu, pietätlos das zu entsorgen, was ihnen eben erst liebevoll zugedacht wurde. Dabei hat das Wegwerfen einen guten Sinn. Wer wegwirft, bewahrt sich Freiheit, urteilt, wählt aus und schafft Freiraum für Neues. Damit will ich nicht sagen, dass die Aufbewahrer unfreie Wesen wären. Sie zeichnet eine besondere Fähigkeit zur Dankbarkeit aus. Indem sie ihr Geschenk in Ehren halten, bewahren sie den Schenker in ihrem Herzen.

Die Schwierigkeit, die rechte Mitte zwischen Aufbewahren und Wegwerfen zu treffen, zeigt sich besonders im Umgang mit Geschenken von Kindern. Was sie einem gemalt, gesägt, geknüpft oder getöpfert haben, ist kein Konsumgegensand, den man gebrauchen könnte. Vielmehr zeigen sie einem in diesen Geschenken, wer sie sind und was sie vermögen. Sie schenken also sich selbst. Deshalb sind Kindergeschenke ein besonders schönes Echo auf das Weihnachtsgeschenk Gottes, der in Jesus Christus sich selbst allen Menschen geschenkt hat. Solche Selbstgeschenke darf man natürlich nicht unbesehen wegwerfen. Andrerseits kann man nicht alles mit Kinderbasteleien vollstellen. Gelegentlich muss man etwas wegpacken. Schließlich ist es Kindern, wenn sie größer sind, unangenehm, wenn die Manifestationen ihrer frühkindlichen Phasen immer noch auf den elterlichen Präsentiertellern stehen.

Als ich das Haus meines verstorbenen Vaters aufräumen musste, stieß ich zu meiner Überraschung auch auf Geschenke, die ich ihm vor über 40 Jahren gemacht hatte. Auf seinem Schreibtisch fand ich einen Behälter für Stifte – eine Laubsägearbeit, die man wirklich nur als unvollendetes Kunstwerk bezeichnen kann. Sie war auch so verstaubt, dass ich sie weggeworfen habe. Im Geschirrschrank entdeckte ich dann einen Eierbecher, den ich einmal getöpfert hatte. Er war fast unbenutzt, denn er war so wackelig geraten, dass man ihm aus Sicherheitsgründen kein Ei anvertrauen konnte. Ihn habe ich aufbewahrt. Er steht jetzt auf meiner Fensterbank, neben den letzten Weihnachtsgeschenken unserer Kinder.

Johann Hinrich Claussen, Geschenke, erstmals erschienen im Hamburger Abendblatt, Ausgabe vom 07.12.2010