DIE KRIPPE

Als ich fünf Jahre alt war, diktierte ich meiner Mutter einen langen Wunschzettel. Ich wünschte mir ein richtiges Rennauto der Formel 1, natürlich mit Sturzhelm, dazu ein Gokart sowie eine vollelektrische Ritterburg, die so groß sein sollte wie unser Haus, dann noch einen echten, lebendigen Zirkusdirektor und schließlich ein Paar rote Gummistiefel für meinen Teddy.

Eines Tages hatte ich selbst kleine Kinder. Ihre Wünsche kannten noch keine Grenze. Ihre Sehnsucht war überschwänglich. Weihnachten war die Zeit, in der sie ihrer Wunschphantasie freien Lauf ließen. Was immer ihnen in den unverbrauchten Sinn kam, wurde gleich herausposaunt oder den Eltern in die Feder diktiert. Pädagogisch verantwortungsvolle Menschen legen da schnell ihre Stirn in Sorgenfalten, mahnen zur Zurückhaltung oder beklagen die Werbung der Spielzeugindustrie, die diese wilde Wünscherei weiter anheizt. Dabei ist es doch nur ein Spiel. Und wie jedes Kinderspiel hat es sein tieferes Recht.

Nun wird aber jedes Kind schnell die Erfahrung machen, dass nur ein Bruchteil seiner Wünsche in Erfüllung geht. Manchmal wird sogar kein einziger erfüllt. Dann liegt etwas anderes auf dem Gabentisch: kleiner, unscheinbarer, erschwinglicher und vernünftiger. Aber es hat den Vorteil, real zu sein. Man kann es anfassen, und es gehört wirklich einem selbst. Zudem zeigt es, dass sich die Eltern eigene Gedanken darüber gemacht haben, was einem fehlt oder eine Freude macht. Schon früh erlebt man also, dass Wünsche unerfüllt bleiben. Das muss aber nicht notwendig eine Enttäuschung sein. Denn manchmal stellt sich stattdessen etwas anderes ein: eine Überraschung, die eine Freude schenkt, die man sich nicht hätte träumen lassen.

So ist es auch mit Weihnachten. Man erwartet sich so viel davon – nicht nur als kleines Kind, sondern auch als Erwachsener. Weihnachten soll das Fest sein, an dem alle Träume wahr werden. Aber Weihnachten ist keine Wunscherfüllungsmaschine. Es erfüllt Wünsche, indem es sie durchkreuzt und übersteigt.

Die Bibel hat nicht überliefert, mit welchen Wünschen die Hirten aufgebrochen sind. Was genau hatten sie im Sinn, als sie sich auf den Weg zum Stall von Bethlehem machten? Eine große Erwartung muss sie angetrieben haben. Von Engelsstimmen war ihnen die Erfüllung all ihrer Bedürfnisse verheißen worden: Friede auf Erden, Freundschaft zwischen allen Menschen, Versöhnung mit Gott. So folgen sie dem hohen hellen Sehnsuchtsstern.

Doch das Kind, das sie finden, entspricht ihren Wunschträumen keineswegs. Der heiß und lang ersehnte Heilsbringer ist gar nicht so, wie sie ihn sich vorgestellt hatten: kein strahlender Held, kein mächtiger Krieger, kein herrlicher König. Es ist ein Kind armer Leute, ein obdachloser Säugling – in Windeln gewickelt in einer Krippe liegend. Und dennoch geht von ihm ein Strahlen aus, das alle Finsternis durchbricht. In ihm ist Gott Mensch geworden. In ihm kommt Gottes Reich auf die Erde und macht die Menschen reich. Was mehr könnte man sich wünschen? Die Hirten jedenfalls sind mit vollem Herzen von der Krippe aufgebrochen und haben die frohe Botschaft in die weite Welt getragen.

Am Heiligabend kommen viele Kinder in unsere Kirchen, um diese Geschichte nachzuspielen. Sie laufen als Hirten nach Bethlehem und kommen in den Stall. Dort erwarten sie schon Maria und Joseph, glücklich und müde wie alle Eltern nach einer gesunden Geburt. Zwischen ihnen steht die Krippe, der Gabentisch Gottes. Die Hirten-Kinder knien ehrfürchtig davor nieder, zugleich aber schauen sie neugierig hinein. Ebenso machen die zuschauenden Kinder ihre Hälse lang und länger oder kommen gleich nach vorn, um nachzusehen, was in der Krippe liegt. Sie scheinen etwas davon zu spüren, dass hier der Schlüssel zu all ihren Weihnachtswünschen liegt: ein Abbild des Christuskindes, welches das Geheimnis der Welt und die überraschende Erfüllung all unserer Wünsche ist.

Übrigens, ein Wunsch ist mir damals erfüllt worden. Meine Eltern konnten mir zwar weder ein Rennauto, eine elektrische Ritterburg, noch einen Zirkusdirektor beschaffen. Aber auf meinem Gabentisch lagen rote Gummistiefel für meinen Teddy. Die konnte ich gut gebrauchen. Denn jetzt konnte ich auch bei schlechtem Wetter mit ihm rausgehen. Ich habe sie heute noch.

Johann Hinrich Claussen, unter dem Titel „Weihnachten“ erstmals erschienen im Hamburger Abendblatt, Ausgabe vom 23.11.2004