BESCHERUNG

Niemals würde ich mich unterstehen, unsere transatlantische Schutzmacht zu schmähen. Zu tief sind mir die Grundprinzipien der deutsch-amerikanischen Freundschaft ins Herz geschrieben. Der amerikanische Freund will nur unser Bestes. Deshalb bin ich dankbar dafür, dass er meine E-Mails liest und mein Handy abhört. Obwohl, so besonders interessant dürfte das gar nicht sein. Jetzt ist aber bald Weihnachten. Da wollen wir lieber über anderes sprechen. Etwa darüber, wie erstaunlich es ist, dass viele amerikanische Weihnachtssitten bei uns heimisch geworden sind – nur die sinnvollste von ihnen leider nicht. Der Deutsche gehorcht ja gern der Obrigkeit. Also ist für ihn der Weihnachtsmann rot und transportiert auf seinem Rentierschlitten klebrige Weichgetränke. Also umwickelt er Haus und Hof – entgegen neuesten europäischen Leuchtmittelverordnungen – mit knallbunten Lichterketten. Also verschicken weltläufigere Mitbürger „Jahreszeitengrüße“, um postsäkular-pluralitätssenible Seelen nicht mit dem Wort „Weihnachten“ zu verschrecken. Warum aber weigert sich der Deutsche so obstinat der einen US-Sitte die Tür zu öffnen, die das Feiern des Festes wirklich erleichtern und dem Familienfrieden aufhelfen würde? Ich rede von der Bescherung. Wie angestrengt ist der 24. Dezember in Deutschland: Baum schmücken, Kinder herausputzen, in die Kirche hetzen, Plätze zu besetzen, schnell wieder raus, Baum anzünden, Geschenke verteilen und empfangen, sich freuen, kochen, Tisch decken, essen und trinken, Verwandte anrufen, danach Gemütlich-Sein-Müssen. Das ist kein Heiliger, das ist ein eiliger Abend. Wie gut hat es da der Amerikaner, der die Distribution der Konsumgüter auf den Morgen des ersten Feiertages verlegt. Er kann in Ruhe eine Mahlzeit vorbereiten und verspeisen, entspannt in einen der späteren und weniger drangvollen Gottesdienst schlendern, ihn genießen, ohne auf die Uhr zu schauen und bei alldem sich noch auf den nächsten Morgen freuen. Er hätte eine stille Nacht. Doch wie es scheint, sind nur Pastoren und Kirchenmusiker – sonst die Speerspitze des antikulturhegemonialen Widerstands – schlau genug, dem amerikanischen Vorbild zu folgen. Die allermeisten Deutschen werden diese weihnachtliche Muße nie erleben. Aber ich wollte es doch einmal gesagt haben.

Johann Hinrich Claussen, Bescherung, erstmals erschienen im Hamburger Abendblatt, Ausgabe vom 03.12.2013