Adventsgedanken vom 12.12.2023
Der Wunschzettel
Ein kleiner Junge lebte mit seiner Mutter in einem armen Viertel vor den Toren einer großen Stadt. Sein Vater war gestorben, als er ein Jahr alt war, und sie waren sehr arm. Um für den Unterhalt zu sorgen, nähte seine Mutter bis spät in die Nacht. Sie saß dabei neben einer alten Lampe, deren Schein nur spärlich den Raum erhellte, und so musste sie ihre Augen bei der Arbeit sehr anstrengen. Hans beobachtete das mit zunehmender Sorge.
Nun war bald Weihnachten und seine Mutter erzählte ihm von früher: „Damals legten wir Kinder immer unsere Wunschzettel auf die Fensterbank und am nächsten Morgen waren sie weg. Wir hofften, dass das Christkind sie aufmerksam las und uns unsere Wünsche erfüllte. Mit großer Spannung erwarteten wir den Heiligen Abend. Wenn es in der verschlossenen Stube klingelte, durften wir hinein. Erwartungsvoll traten wir ein und entdeckten Geschenke unter dem Tannenbaum. Jeder suchte sein Päckchen und packte es aus. Das Christkind hatte uns tatsächlich erhört.“ Sie lächelte versonnen, der kleine Junge aber strahlte regelrecht. „Dann schreibe ich dieses Jahr auch einen Wunschzettel!“
Da blickte seine Mutter ihn verwundert an und wirkte mit einem Mal sehr traurig. „Ach, weißt du, wir wohnen sehr abgelegen. Das Christkind kommt hier bestimmt nicht her.“ Der Junge runzelte die Stirn. „In der Sonntagsschule hat uns der Pfarrer aber gesagt, dass Jesus uns immer hört, egal, wo wir sind“ , erwiderte er.
Dann ging er energisch in sein Zimmer, zückte einen Stift und schrieb: „Lieber Jesus, du weißt alles, auch dass wir sehr arm sind. Mama näht bis spät in die Nacht und das spärliche Licht ist nicht gut für ihre Augen. Bitte schenke uns doch zu Weihnachten eine neue Lampe. Dein Hans“
Bald war wieder Wochenende und der Junge legte seinen Wunschzettel auf die Fensterbank der Sonntagsschule, als er ging. In der Woche darauf war er verschwunden. Hans war nun sehr gespannt und aufgeregt. Ob Gott an Weihnachten doch zu ihnen kommen würde?
An Heiligabend besuchte er mit seiner Mutter wie jedes Jahr den Gottesdienst. Gleich danach machten sie sich auf den Heimweg. Als sie um die Ecke bogen und die Hütte, in der sie zur Miete wohnten, sehen konnten, trauten sie ihren Augen kaum: Es brannte ein Licht in ihrem Fenster! Vorsichtig schloss seine Mutter die Tür auf. „Hallo? Ist da jemand?“ Doch da war niemand. Vorsichtig traten sie ein und näherten sich dem Licht. Es kam von einer neuen Lampe. Sie stand am Fenster neben der Nähmaschine und hatte eine rote Schleife umgebunden. Hans strahlte übers ganze Gesicht und sagte: „Siehst du, Mama, Gott kommt doch zu uns nach Hause!“
Johannes Brecht
In der Agentur des Rauhen Hauses Hamburg sind zahlreiche Publikationen mit diesem Autor erschienen. Zuletzt:
1 8603-3 Brecht, Der Weisheit Anfang. Glücksgeschichten (1,99€)
